BUCHTIPPS
JOACHIM BECKER, BUCHHANDLUNG STOJAN
Joachim Becker führt die Buchhandlung Stojan in Ahrensburg seit 25 Jahren zusammen mit seiner Frau Gabriele Niebuhr.

Jetzt die neuesten Buchtipps entdecken

Buchtipps
FÜR DEN SCHREIBTISCH

Das Buch des Comiczeichners Luz widmet sich einem Kunstwerk und ist zugleich selbst als künstlerisches Werk zu verstehen. Luz, mit bürgerlichem Namen Rénald Luzier, wurde 1972 in Tours geboren und war ab 1992 festes Mitglied der Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo. Beim islamistischen Anschlag auf die Redaktion am 7. Januar 2015 wurden mehrere führende Mitarbeiter ermordet. Luz überlebte, da er verspätet zur Redaktionssitzung erschien. Kurz nach dem Attentat veröffentlichte er mit „Katharsis“ ein eindrucksvolles Zeugnis der Zeit danach. Im September 2015 verließ er Charlie Hebdo; bis heute lebt er unter Polizeischutz. In seinem neuesten Werk erzählt Luz die Geschichte des Gemäldes „Zwei weibliche Halbakte“ des Expressionisten Otto Mueller. Er zeichnet darin den wechselvollen Weg des Bildes durch das 20. Jahrhundert nach. Die Besonderheit des Comics liegt in der Perspektive: Die Leserinnen und Leser blicken aus Sicht des Gemäldes auf die Welt und begegnen so den zahlreichen Personen, durch deren Hände es im Lauf der Geschichte ging. Auf diese Weise werden Kunst- und Zeitgeschichte anschaulich miteinander verknüpft. Für das Buch recherchierte Luz intensiv, unter anderem in den Archiven des Museums Ludwig, in dem sich das Gemälde heute befindet. Trotz der nach wie vor geringen Verbreitung von Graphic Novels im deutschsprachigen Raum stellt dieses Werk eine eindrucksvolle und empfehlenswerte Annäherung an Kunst und Geschichte dar.
FÜR DAS SOFA

Der 2023 für den Booker Prize nominierte Roman „Das Haus der Türen“ des malaysischen Autors Tan Twan Eng verbindet historische Fakten und Fiktion zu einer vielschichtigen, elegant erzählten Geschichte. Ausgangspunkt ist das Jahr 1921: Der weltberühmte Schriftsteller William Somerset Maugham besucht während einer Asienreise seinen alten Schulfreund Robert Hamlyn und dessen Frau Lesley auf der Insel Penang. Begleitet wird er von seinem Sekretär Gerald Haxton, dessen Beziehung zu Maugham in der britischen Kolonialgesellschaft ein offenes Geheimnis ist. Erzählt wird der Roman aus der Perspektive Lesley Hamlyns. Eine Rahmenhandlung im Jahr 1947 führt sie in der südafrikanischen Karoo-Halbwüste zu Erinnerungen an Penang zurück, ausgelöst durch ein ihr zugesandtes Buch Maughams. In Rückblenden entfaltet sich ein lebendiges Bild der kolonialen Gesellschaft, ihrer Konventionen und Verdrängungen. Zentral ist zudem der historische Fall Ethel Proudlock, dessen spektakulärer Gerichtsprozess später von Maugham literarisch verarbeitet wurde. Tan Twan Eng verwebt diese Ebenen souverän zu einem Roman über Macht, Geheimnisse und das Erzählen selbst. „Das Haus der Türen“ überzeugt durch seine ruhige Spannung, präzise Beobachtung und eine stilistisch feine Sprache – ein ebenso kluges wie großes Lesevergnügen.
