Wohnraum statt Obstkorb

Wie Unternehmen heute Azubis gewinnen

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Wie Unternehmen heute Azubis gewinnen

Wohnraum statt Obstkorb

Obstkorb und Espressomaschine haben ausgedient. Was früher noch als Benefit für Bewerberinnen und Bewerber galt, ist längst kalter Kaffee. Auch Auszubildende werfen einen genauen Blick auf die Benefits potenzieller Ausbildungsbetriebe. Das Beach Motel Heiligenhafen und die Sparkasse Holstein überzeugen junge Menschen mit anderen Faktoren.

Von Jennifer Fizia

Ganz oben auf der Liste stehen Unterkünfte, vor allem in touristischen oder sehr hochpreisigen Regionen. „Ohne Wohnraumangebote könnten wir viele Azubis von außerhalb gar nicht gewinnen“, erzählt Anja Beck, verantwortlich für das Personalwesen aller Heimathafen Hotels, zu denen das Beach Motel Heiligenhafen zählt. 28 Wohneinheiten stellt das Hotel seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dort zur Verfügung. Dazu gehören Ein- und Zweizimmerwohnungen sowie WG-Konstrukte. „Für uns ist klar: Wenn wir an den Standorten, an denen wir sind, ausbilden wollen, ist Wohnraum ein wesentlicher Faktor“, fasst Anja Beck zusammen. Dem stimmt Annika Maier von der Sparkasse Holstein zu. Auch das Finanzinstitut setzt auf Wohnangebote speziell für die Auszubildenden. „Wir bieten aktuell fünf Azubi-Wohnungen, die sogenannten Apartinos, in Lübeck an. Und in Ammersbek bei Hamburg haben wir eine Azubi-WG neu gebaut, in der zwei Azubis wohnen können“, so die Ausbildungsleiterin im Bereich Personal.

Sonderzahlungen und Benefits

Daneben gibt es weitere Benefits, die bei Auszubildenden beider Unternehmen sehr beliebt sind. Im Beach Motel sind es die Übernachtungsoptionen. „Neue Mitarbeiter und Azubis können in jedem unserer Hotels eine Übernachtung einlösen, damit sie die Gruppe kennenlernen und die Perspektive des Gasts einnehmen“, erklärt Beck. Das angebotene Standortfahrzeug punktet bei den Nachwuchskräften ebenfalls, erleichtert es ihnen doch den Weg zur Berufsschule. Zusätzlich ermöglicht eine externe Onlineplattform für mentale Gesundheit schnellen Zugang zu psychologischer Beratung. Die Sparkasse Holstein setzt neben Azubi-Wohnungen auf Sonderzahlungen und ein 13. Monatsgehalt, 30 Tage Urlaub, Lehrmittelzuschuss, technische Ausstattung, darunter ein iPad, das auch privat genutzt werden kann und nach der Ausbildung in das Eigentum der Azubis übergeht, sowie ein kostenfreies Deutschlandticket.

Diese Maßnahmen scheinen zu überzeugen. Die Anzahl der Bewerberinnen und Bewerber im Ausbildungsbereich beider Betriebe ist stabil. Die Heimathafen Hotels haben aktuell 40 Auszubildende, sieben davon lernen in Heiligenhafen. Die Sparkasse Holstein kann sich jedes Jahr über 30 bis 35 neue Auszubildende freuen.

Fit für die Filiale: dreiwöchiges Onboarding

Sobald Auszubildende gefunden sind, beginnt die zweite Phase: Bindung. Der Einsatz hört für die Betriebe nicht mit der Unterschrift auf dem Ausbildungsvertrag auf. Das Onboarding sollte genauso durchdacht sein. Bei den Heimathafen Hotels treffen sich alle neuen Nachwuchskräfte zu einem gemeinsamen Onboarding, unabhängig davon, an welchem Standort sie starten. Die Sparkasse Holstein lädt alle Auszubildenden zu einer Bustour durch das Geschäftsgebiet ein. Hierbei lernen sie die Region kennen und bekommen in Filialen und Stiftungsorten erste Einblicke in die Arbeit der Sparkasse. Die Reise markiert den Startpunkt: „Insgesamt machen wir ein dreiwöchiges Onboarding, um die Azubis für die ersten Tage in der Filiale fit zu machen und damit sie als ein starkes Team zusammenwachsen“, berichtet Annika Maier.

Das Werben um Nachwuchskräfte startet oft schon früher. Das Finanzinstitut ermöglicht es interessierten Jugendlichen bereits vor der Ausbildung, in den Job reinzuschnuppern. „Wir setzen stark auf Praktika, weil junge Leute so erst erleben, wie vielseitig der Beruf ist“, erklärt die Ausbildungsleiterin. Nach dem Praktikum wissen sie meistens, ob sich eine Anstellung im Bank- und Versicherungswesen für sie, ihre Persönlichkeit und Interessen eignet und eine Berufsausbildung der richtige Weg ist. „Viele Jugendliche erleben, dass Schule oft sehr stark Richtung Studium lenkt“, erzählt Annika Maier. Ein Studium wird gesellschaftlich weiterhin als die bessere Möglichkeit angesehen, im Beruf erfolgreich zu sein. Daran muss sich etwas ändern – das wünschen sich auch Anja Beck und Annika Maier. „Wir müssen gemeinsam mit der Politik dafür sorgen, dass Ausbildung einen Stellenwert hat und nicht schlechter bewertet wird als ein Studium“, sagt Anja Beck. „Ich habe noch nie erlebt, dass eine Ausbildung jemandem geschadet hat – sie hilft, erwachsen zu werden, ins Arbeitsleben zu finden und sich zu orientieren.“

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„Wir setzen stark auf Praktika, weil junge Leute so erst erleben, wie vielseitig der Beruf ist.“

– Annika Maier, Sparkasse Holstein

Meher Generationenverstädnis

 Zukünftig werden Firmen einige Punkte beachten müssen, um geeignete Bewerberinnen und Bewerber zu finden. Für Anja Beck ist es wichtig, dass die Berufsausbildung moderner wird und man sich der Digitalisierung nicht verschließt. Annika Maier sieht im Folgenden die größten Hebel: mehr Generationenverständnis, sichtbare Präsenz auf Social Media, transparente Kommunikation auf Augenhöhe und flexible Arbeitsmodelle plus individuelle Lösungen nach der Ausbildung. Denn am Ende sollte der Mensch im Mittelpunkt stehen. „Ich glaube, es ist heutzutage ganz wichtig, dass man sich auf jeden einstellt und dann eine individuelle Lösung für jeden Einzelnen findet“, fasst Maier zusammen.  

Autorin: Jennifer Fizia, freie Journalistin, redaktion@luebeck.ihk.de
Fotos: John Garve, Melanie Issel-Domberg/Lichtliebe Fotostudio Volksdorf