Matthias Reessing
Drägerwerk AG & Co. KGaA

„Starker Begleiter in allen Bereichen der Ausbildung“

Künstliche Intelligenz in der Berufsausbildung kommt bei der Drägerwerk AG & Co. KGaA in Lübeck gezielt zum Einsatz, um Auszubildende zu unterstützen. Matthias Reessing ist bei Dräger als Head of Vocational Training für die Ausbildung verantwortlich. Er berichtet, welche Chancen, aber auch Einschränkungen die KI für junge Menschen mit sich bringt.

In welchen Bereichen kommt künstliche Intelligenz (KI) in der Dräger-Berufsausbildung zum Einsatz?

Die größten Gefahren gehen aktuell von Ransomware-Angriffen aus, also Cyberangriffen mit der Verschlüsselung von Daten. Diese Angriffe können in kürzester Zeit ganze Unternehmen stilllegen und im schlimmsten Fall bis zur Insolvenz führen. Daneben gibt es Risiken in Form von Sabotageversuchen und bei der Energieversorgung.

Bei Blackouts können bereits kurze Stromausfälle verheerende Folgen haben. In den vergangenen Jahren kam es etwa in Spanien und Deutschland zu solchen Ausfällen. Da die Energiesysteme immer komplexer werden, steigt das Risiko. Generell ist Deutschland bei der Stabilität der Energieversorgung aber gut aufgestellt.

Verändert der Einsatz von KI auch die Rolle der Ausbilderinnen und Ausbilder?

Ja, vor allem weil Wirtschaft und Behörden immer vernetzter sind. Immer mehr Daten liegen auf zentralen Servern. Und immer mehr Kommunen und Behörden führen gemeinsame Systeme ein. Das Zentralisieren und Vernetzten ist gut, weil es Bürokratie abbaut. Gleichzeitig macht es uns aber auch angreifbarer.

Ein anderer Punkt: In der Wirtschaft gibt es immer weniger Lagerhaltung. Unternehmen bestellen Komponenten heute just in time. Fällt einmal die Prozesskette aus – etwa wegen eines Blackouts oder Verkehrskollapses –, trifft das Firmen heute härter, da sie leere Lager haben.

Welche Voraussetzungen mussten Sie bei Dräger dafür zuvor schaffen?

Auf jeden Fall mit einem Team, das sich methodisch eventuellen Krisen nähert. Es ist unmöglich, sich auf jede mögliche einzelne Krise vorzubereiten. Kommt ein Stromausfall etwa im Winter, hat es für Unternehmen der Lebensmittelindustrie beispielsweise andere Auswirkungen, als wenn der Ausfall im Sommer wäre. Besser ist es, die Auswirkungen einer Krise managen zu können. Darum geht es im Krisenmanagement.

Von starren Plänen halte ich nicht viel. Ein gutes Beispiel ist Altkanzler Helmut Schmidt, der bei der Sturmflut 1962 die Bundeswehr hinzugezogen hat. Das war nicht nur ein Novum, sondern zum damaligen Zeitpunkt auch verfassungswidrig. Aber es hat vielen Menschen das Leben gerettet. Wir müssen flexibel bleiben.

„‬KI ist in der Ausbildung ein starkes Tool, um Daten zusammenzufassen und Informationen aufzubereiten.“

Matthias Reessing

Was macht die Arbeit mit der KI mit den Azubis? Erleben Sie Veränderungen etwa im Lernprozess?

Es gibt Kommunen, die gemeinsame Notfallpläne erarbeiten. Also wenn eine Kommune ein Problem hat, stellt eine andere Kommune die passende Infrastruktur zur Verfügung. So kann mit einfachen Mitteln eine Rückfallebene gebildet werden. Das lässt sich gut auf die Wirtschaft übertragen: Unternehmen der gleichen Branche und mit ähnlichen Strukturen können sich Partnerbetriebe suchen, in die sie ihre Produktion kurzzeitig auslagern könnten, zum Beispiel wenn die Produktion aufgrund eines Hackerangriffs ausfällt.

Eine andere Möglichkeit ist, sich autarker aufzustellen. Viele Unternehmen haben Photovoltaik auf dem Dach und einen Speicher. Von einem Stromausfall wären sie dennoch betroffen, das ist vielen nicht bewusst. Wichtig ist, dass die Photovoltaikanlage netzunabhängig funktioniert. Dies lässt sich relativ einfach nachrüsten. Auch sind Laptops besser als Standrechner. Bei einem Stromausfall haben diese noch Akkukapazität und die Belegschaft bleibt für eine gewisse Zeit arbeitsfähig.

Sie sind Mitglied im IHK-Berufsbildungsausschuss und haben Einblicke in viele Ausbildungsbetriebe. Können auch kleine und mittlere Unternehmen KI in ihrer Berufsausbildung sinnvoll nutzen?

In Workshops geht es zuerst darum, der Chefetage aufzuzeigen, woran sie bei einer etwaigen Krise denken muss. Außerdem spielen wir realistische Szenarien durch. Was passiert etwa bei einem plötzlichen Personalausfall, der zum Beispiel durch Legionellen bedingt ist? Die Unternehmerinnen und Unternehmer müssen dann eine Lösung finden. Oder: Was passiert, wenn Produktionsanlagen an mehreren Standorten gleichzeitig ausfallen? Wo und wie managen wir solche Situationen, wie richten Unternehmen einen Notfallstab ein? Um diese Punkte geht es.

Inwiefern lässt sich die Effizienz steigern?

Bei etwaigen Großeinsatzlagen oder Krisen werden viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch ihr ehrenamtliches Wirken in freiwilligen Feuerwehren, Technischem Hilfswerk oder anderen Hilfsorganisationen eingespannt sein. Diese Kräfte stehen dann in einer ohnehin angespannten Situation ihren Arbeitgebern und Unternehmern mehrere Tage oder gar Wochen nicht zur Verfügung. Das gilt es so gut wie möglich für die Betriebe einzuplanen. Unternehmen sind gut beraten, sich hier schon mal eine Übersicht zu verschaffen.

Sie engagieren sich für die Zusatzqualifikation KI. Was hat es damit auf sich?

Unternehmen brauchen auch hier eine Notfall-/Krisenorganisation, die im Notfall verlässlich funktioniert. Also: Wer übernimmt für wen die Vertretung? Brauchen wir einen Schichtbetrieb? Wie verfügbar ist mein IT-Support? Große Aufmerksamkeit sollten Betriebe auf sogenannte Single Points of Failure richten – also Komponenten, ohne die nichts mehr geht, wenn sie ausfallen. Hier sollten Back-ups mitgedacht werden. Das können im Übrigen auch Personen sein. Wenn zum Beispiel der dienstälteste Mitarbeiter Abläufe und Zugangsdaten auswendig weiß, sein Wissen aber nicht geteilt hat, ist es schlecht, wenn er ausfällt. Über wichtige Abläufe sollten mehrere Personen Kenntnis haben. Dazu gehört zum Beispiel auch die Buchhaltung: Wenn Gehälter nicht mehr überwiesen werden können, da der Buchhalter ausfällt, sinkt die Motivation in der Belegschaft rapide. Auch das kann für einen Betrieb schnell problematisch werden.

Interview: Benjamin Tietjen, IHK-Redaktion Lübeck, benjamin.tietjen@luebeck.ihk.de